Zuletzt aktualisiert am 23.07.2026
Körperakzeptanz in der Fotografie heißt für mich: Menschen so durch meine Kamera festzuhalten, dass sie sich hinterher selbst wiedererkennen und trotzdem — oder gerade deshalb — lieben. Mit allem, was ihren Körper ausmacht. Nicht mit einer glattgezogenen Version davon.
Ein Moment wiederholt sich bei fast jedem sensiblen Shooting: der kurze Blick zum Kameradisplay nach den ersten Aufnahmen. Das Zögern. Die stille Frage: Sehe ich wirklich so aus? Meistens reicht dieser eine Blick, um sie zu beantworten. Nicht weil das Bild geschmeichelt hätte, sondern weil es ehrlich war. Weil jemand richtig hingesehen hat.
Darum geht es in diesem Artikel: was Körperakzeptanz vor der Kamera in der Praxis bedeutet — nicht als Trend, sondern als Haltung, die sich im Vorgespräch, in der Lichtführung, im Posieren und in der Nachbearbeitung zeigt. Und wie ich sie in meinem Studio in Erfurt umsetze.
Was Körperakzeptanz in der Fotografie für mich bedeutet
Wenn ich von Körperakzeptanz spreche, meine ich nicht den Hashtag. Ich meine die Entscheidung, die Person, die vor mir steht, nicht an einem äußeren Ideal zu messen — sondern an dem, was sie ist.
Das klingt einfacher, als es ist. Denn wir alle tragen Bilder in uns: von Zeitschriften, von Instagram, von Werbeplakaten. Diese Bilder haben uns eingetrichtert, was „fotogen" bedeutet. Schlank. Glatt. Symmetrisch. Und wer nicht reinpasst, fühlt sich falsch – nicht nur vor der Kamera, sondern schon beim Gedanken daran, sich überhaupt fotografieren zu lassen.
Ich merke das an den Anfragen, die ich bekomme. Menschen schreiben mir, dass sie sich „noch nicht bereit" fühlen. Dass sie erst abnehmen müssten. Dass sie nicht wissen, wie sie sich stellen sollen. Und ich sage ihnen jedes Mal das Gleiche: Du musst dich nicht vorbereiten. Du musst nur da sein.
Körperakzeptanz heißt für mich als Fotograf: Ich übernehme Verantwortung dafür, dass mein Bild nicht ein weiteres ist, das jemanden kleiner macht, als er ist. Sondern eines, das ihn größer fühlen lässt. Nicht durch Schönung. Durch Wahrnehmung.
Mein Prozess — vom Vorgespräch bis zur Bildauswahl
Das Vorgespräch
Bevor jemand vor meiner Kamera steht, telefonieren wir. Manchmal eine halbe Stunde, manchmal länger. Ich frage, was jemand sich wünscht — und was er auf keinen Fall sehen möchte. Manche sagen direkt: „Meine Oberarme." Andere zögern und brauchen Zeit. Beides ist in Ordnung.
Dieses Gespräch ist kein Formalismus. Es ist der Moment, in dem Vertrauen entsteht. Wenn jemand weiß: Der Fotograf da drüben fragt nach meinen Grenzen, nicht nach meinen Maßen — dann verliert das Shooting seinen Schrecken.
Wir besprechen auch Kleidung. Ich rate immer: Bring drei, vier Outfits mit, die du wirklich trägst. Nichts, das du extra kaufst, weil du denkst, es würde gut auf Fotos aussehen. Wenn du dich in einem Pullover wohlfühlst, dann zieh diesen Pullover an. Wohlfühlen sieht man.
Das Shooting
Die ersten Minuten sind immer die schwersten. Niemand weiß, wohin mit den Händen. Deshalb beginne ich nicht mit Pose-Anweisungen, sondern mit Bewegung. Geh mal drei Schritte nach links. Dreh dich langsam. Schau mal aus dem Fenster.
Was dabei passiert: Der Mensch hört auf, an sich zu denken. Er hört auf, seinen Körper zu kontrollieren. Und genau dann — zwischen zwei Bewegungen, im Halbschatten eines unbeabsichtigten Lächelns — entstehen die Bilder, die ihn zeigen.
Ich fotografiere viel mit Bewegung und Gewichtsverlagerung statt mit Posen. Eine einstudierte Pose macht starr. Eine natürliche Bewegung macht lebendig. Der Unterschied ist auf dem Bild zu sehen.
Die Bildauswahl
Nach dem Shooting setzen wir uns gemeinsam an den Bildschirm. Das ist ein empfindlicher Moment — weil die Person sich selbst in einer Phase sieht, in der sie verletzlich war. Ich zeige nicht alle Bilder. Ich zeige die, die funktionieren. Die, die dich zeigen.
Und ich erkläre, was ich sehe: „Hier fällt das Licht genau auf die Stelle, die du erwähnt hast — und siehst du, wie das die Form betont, ohne sie zu verfälschen?" Das gibt Menschen Werkzeuge an die Hand, um sich selbst anders zu betrachten.
Licht, Pose und Bewegung — handwerkliche Entscheidungen
Körperakzeptanz ist für mich kein reines Stimmungsthema. Sie ist eine Frage der Handwerkskunst.
Lichtführung
Weiches, seitliches Licht formt Konturen, ohne sie zu betonen oder zu verstecken. Hartes Frontallicht dagegen — das klassische Blitzlicht von vorn — lässt fast jeden Körper unruhig wirken. Es löscht Plastizität aus und macht aus einem dreidimensionalen Menschen eine flache Fläche mit Schlagschatten.
Ich arbeite meist mit großen Softboxen, die ich leicht von der Seite positioniere. Das schafft Modellierung: Kanten, Rundungen, Übergänge. Der Körper bekommt Tiefe, ohne dass ich nachschärfen oder nachdunkeln muss. Und weil das Licht weich ist, werden Hautstrukturen nicht betont, sondern natürlich wiedergegeben.
Bei Außenaufnahmen — ich fotografiere viel in der Umgebung von Erfurt, im Thüringer Wald, an den Saalehängen — suche ich mir bewusst Standorte mit diffusem Licht. Bewölkter Himmel ist besser als Mittagssonne. Schatten unter Bäumen sind besser als freies Feld. Natur liefert das beste Softbox-Material, wenn man weiß, wo man steht.
Kameraperspektive
Die Höhe der Kamera verändert, wie ein Körper wirkt. Von oben fotografiert wirkt jeder kleiner, gedrungener — das ist keine Schmeichelei, das ist Verzerrung. Auf Augenhöhe dagegen entsteht Begegnung. Ich photographiere fast immer auf Augenhöhe oder leicht darunter. Das gibt der Person Präsenz, ohne sie zu dehnen oder zu stauchen.
Objektivwahl
Ich arbeite im Portrait meist mit 90mm oder 135mm. Diese Brennweiten komprimieren Gesichter und Körper auf eine Weise, die dem natürlichen Seheindruck nahekommt. Weitwinkel verzerrt – was für künstlerische Effekte toll sein kann, aber bei Menschen, die ohnehin unsicher sind, eher kontraproduktiv ist.
Wo Retusche aufhört und Akzeptanz anfängt
Das ist die Frage, die ich am häufigsten bekomme: Wird nachbearbeitet? Und meine Antwort ist immer dieselbe: Ja, aber nicht an den Stellen, die dich ausmachen.
Was ich retuschiere: temporäre Dinge. Ein Pickel, der nächste Woche weg ist. Schmutz auf der Kleidung. Eine störende Lichthaut am Rand. Kleinigkeiten, die nichts mit der Person zu tun haben, sondern mit dem Moment.
Was ich nicht retuschiere: Muttermale. Narben. Schwangerschaftsstreifen. Cellulite. Falten. Narben, Operationsspuren, Amputationen. Alles, was Teil der Lebensgeschichte ist.
Meine Begründung ist pragmatisch, nicht philosophisch: Wenn ich etwas wegnehme, das zu dir gehört, dann sage ich damit: So, wie du bist, bist du nicht okay. Und das ist genau das Gegenteil von dem, was ich mit Körperakzeptanz erreichen will.
Ich bespreche das im Vorgespräch. Manchmal wünscht sich jemand explizit, dass etwas retuschiert wird – eine Operationsnarbe, die noch zu frisch ist, eine Augenrötung. Das ist eine gemeinsame Entscheidung, keine meines Erachtens.
Wer wissen will, wie weit das gehen kann: Bei einem Portrait-Shooting für eine Frau, die eine Mastektomie hatte, haben wir 45 Minuten lang darüber gesprochen, ob die Prothese auf dem Bild zu sehen sein soll. Sie hat sich entschieden: Ja. Und das war eines der stärksten Portraits, die ich je gemacht habe.
Body Positivity oder Body Neutrality?
Es gibt eine Entwicklung, die ich in letzter Zeit vermehrt wahrnehme — und die meine Sicht auf das Thema beschreibt: Die Bewegung geht nicht mehr nur in Richtung Body Positivity, also der aktiven Liebe zum eigenen Körper. Viele Menschen spüren darin einen neuen Druck: Du sollst deinen Körper lieben. Und wenn du es nicht schaffst, hast du schon wieder versagt.
Ich arbeite deshalb lieber mit dem Gedanken der Body Neutrality: Es geht nicht darum, den eigenen Körper permanent toll zu finden, sondern ihn als das anzuerkennen, was er ist – ein Körper, der einem das Leben ermöglicht, unabhängig davon, wie er aussieht. Vor der Kamera heißt das: Falten, Narben oder ein paar Kilo mehr oder weniger müssen kein Grund zum Jubeln sein. Es reicht, wenn sie einfach da sein dürfen, ohne wegretuschiert zu werden.
Weniger Inszenierung, mehr Beobachtung.
Sozialer Druck durch Instagram und Filter
Menschen kommen mit gefilterten Bildern von sich selbst ins Studio. Das ist keine Übertreibung — es ist eine Beobachtung, die ich in den letzten zwei Jahren immer häufiger gemacht habe.
Sie haben sich an ein Selbstbild gewöhnt, das nicht existiert. Geglätte Haut, vergrößerte Augen, schmalere Gesichter — produziert von Filtern, die in Sekundenbruchteilen Eingriffe vornehmen, für die ein Photoshop-Profi früher Stunden gebraucht hat. Wenn diese Menschen dann ein echtes Foto von sich sehen — also eines, das ich gemacht habe — ist der Schock manchmal groß.
Ich versuche in diesen Momenten nicht zu erklären, was real ist. Ich versuche zu zeigen, was schön ist. Und ich sage offen: Dieser Filter auf deinem Handy — der löscht nicht Falten. Der löscht dich.
Die sozialen Netzwerke sind ein zwiespältiger Raum. Sie haben die Bewegung für mehr Sichtbarkeit und Vielfalt vorangetrieben — Body Positivity wäre ohne Instagram nie so groß geworden. Gleichzeitig treiben sie einen Optimierungsdruck, der genau diese Errungenschaften wieder zunichtemacht. #SkinnyTok, Fitspiration, AI-generierte Idealbilder — die Bundeszentrale für Kinder- und Jugendmedienschutz hat 2025 in einer Ausgabe von BzKJ*AKTUELL ausführlich dokumentiert, wie stark diese Trends das Körperbild von jungen Menschen prägen.
Was ich im Studio tun kann, ist ein Gegengewicht setzen. Ein Bild, das nicht lügt. Ein Raum, in dem Filter keine Bedeutung haben.
Die Verbindung zu Kintsugi, Wabi-Sabi und SCARS
Dieses Thema steht bei mir nicht für sich allein. In "Die Ästhetik des Unvollkommenen" beschreibe ich, wie mich die japanischen Konzepte Kintsugi und Wabi-Sabi prägen – die Idee, dass Brüche und Makel nicht versteckt, sondern sichtbar gemacht werden, weil sie Teil der Geschichte sind. Mein Projekt SCARS – Narben greift genau das auf. Wer sich für Körperakzeptanz interessiert, findet dort eine vertiefende, künstlerische Perspektive auf dasselbe Thema.
Für wen ist körperakzeptante Fotografie relevant?
Die kurze Antwort: für alle, die jemals gezögert haben, sich fotografieren zu lassen.
Die längere: Zu mir kommen Menschen, die ganz unterschiedliche Gründe haben: