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Zuletzt aktualisiert am 15.07.2026

Die Ästhetik des Unvollkommenen

Wir leben in einer Welt, die uns mit polierten Oberflächen und digitalen Filtern einredet, dass Perfektion der einzige erstrebenswerte Zustand sei. Doch wenn wir ehrlich sind: Was berührt uns mehr? Ein fabrikneues, klinisch reines Objekt, das keine Geschichte erzählt – oder eine alte, abgewetzte Lederjacke, die jeden Kratzer als Erinnerung an ein echtes Abenteuer trägt? Und genauso verhält es sich mit Narben, die unseren Körper und unsere Seele schmücken.

D-Kuru/Wikimedia Commons
D-Kuru/Wikimedia Commons

Warum wir Narben neu betrachten müssen

Eine Narbe gilt in unserer heutigen Gesellschaft oft als Makel, den es zu verstecken gilt. Die Welt der sozialen Medien trimmt uns auf makellose Oberflächen. Doch was passiert, wenn wir diesen Blickwinkel in der Portraitfotografie radikal ändern?

In unserem Kunst- und Fotografieprojekt „Scars – Narben“ widmen wir uns genau dieser Frage: Wie kann aus einer Verletzung sichtbare Schönheit erwachsen? Es geht uns keineswegs darum, den Schmerz zu romantisieren. Vielmehr wollen wir die Spur, die er hinterlassen hat, als einen wertvollen Teil der eigenen Identität anerkennen.

Der Körper als Chronik

Jede Narbe ist wie ein Buch. Die Kapitel erzählen etwas von überstandenen Kämpfen, von Heilung, von Widerstandsfähigkeit. Das gilt unabhängig davon, ob die Narbe von einer Operation stammt, von einem Unfall oder von etwas ganz anderem – ich erlebe das bei Männern genauso wie bei Frauen, die zu mir ins Studio kommen.

Viele empfinden ihre Narben zunächst als störend oder gar entstellend. In Wahrheit tragen diese Male jedoch eine tiefe Würde in sich: Sie sind der sichtbare Beweis dafür, dass der Körper fähig ist, sich zu regenerieren und nach einem Bruch wieder zusammenzuwachsen.

Von der Scham zur Sichtbarkeit

Der Prozess der Selbstakzeptanz beginnt oft mit einem mutigen Moment der Überwindung. Deshalb schaffen wir durch Kunst und Fotografie einen sicheren Raum, in dem sich Scham in Stolz verwandeln darf.

Während ich in meinem Erfurter Fotostudio die sanfte Stärke der Porträtierten mit der Kamera einfange, übersetzt die Textilkünstlerin Negar Kablou (Bauhaus-Universität Weimar) diese Strukturen in haptische Poesie. Die Narbe wird aus ihrem rein medizinischen Kontext gelöst. Sie erhält einen künstlerischen Rahmen und erscheint für die Betroffenen in einem völlig neuen, bestärkenden Licht.

So entsteht ein Bild: Licht, Pose und Vertrauen

Ein sensibles Narben-Shooting unterscheidet sich deutlich von klassischer Porträtarbeit. Drei Elemente stehen im Mittelpunkt:

  • Lichtführung: Seitliches, weiches Streiflicht zeichnet Hautstrukturen nach, anstatt sie wegzuretuschieren – die Textur wird Teil der Bildsprache, nicht ihr Störfaktor.
  • Pose und Perspektive: Die Modelle entscheiden selbst, wie viel und was gezeigt wird. Die Kamera folgt ihrer Geschichte, nicht umgekehrt.
  • Gesprächsraum vor der Kamera: Ein ausführliches, unverbindliches Vorgespräch schafft Vertrauen, bevor überhaupt ein Bild entsteht – oft ist genau dieser Moment der eigentliche Wendepunkt im Prozess.

Dieser fotografische Prozess ist bewusst langsam und dialogisch angelegt – mehr Begleitung als Inszenierung

Ein neues Verständnis von Schönheit:

Was ist eigentlich Schönheit? Die glatte, unberührte Oberfläche? Oder die Tiefe eines Menschen, der das Leben in all seinen Facetten erfahren hat?

Unser Projekt versteht sich auch als klares Statement gegen idealisierte Stereotypen. Die philosophische Tiefe hinter dieser Haltung – die japanische Ästhetik des Wabi-Sabi und die mit Gold reparierte Keramik des Kintsugi – haben wir in einem eigenen Artikel ausführlich nachgezeichnet. Hier genügt der Kerngedanke: Wahre Schönheit liegt im Rissigen und Gezeichneten. Wir betrachten Brüche nicht als Defekte, sondern als Veredelung der Lebensgeschichte. Das Ziel eines solchen sensiblen Fotoshootings ist nicht das Verbergen. Das Ziel ist das Würdigen.

D-Kuru/Wikimedia Commons
D-Kuru/Wikimedia Commons

Ein sensibles Fotoshooting, das sich auf diese Ästhetik konzentriert, kann eine tiefe therapeutische Wirkung entfalten. Es ist das visuelle Ja zu sich selbst. Wir hören auf, uns mit einem unerreichbaren Ideal zu vergleichen, und fangen an, die Einzigartigkeit in unserem eigenen Spiegelbild zu bewundern. Denn am Ende des Tages ist es genau das Unvollkommene, das uns menschlich, nahbar und vor allem – unvergesslich macht.

Auf der Suche nach einem Ausstellungsort

Die entstandenen Fotografien und Textilarbeiten sollen nicht im Archiv verschwinden. Wir sind aktuell aktiv auf der Suche nach Ausstellungsorten in und um Erfurt. Wenn du eine Location kennst, die zu diesem Projekt passen könnte, freue ich mich über einen Hinweis.

Werde Teil von SCARS – NARBEN

Auf der Projektseite SCARS erfahrt ihr alles über die Ziele und die Umsetzung. Und natürlich könnt ihr euch dort auch ganz aktiv als Modell bewerben. Denn ohne mutige Teilnehmer und Unterstützer, also ohne euch, können wir das Projekt nicht stemmen. Wir suchen Menschen, die bereit sind, ihre Narben als Kunstwerk zu begreifen.

Häufig gestellte Fragen
Was ist das SCARS-Projekt?

Ein Erfurter Kunst- und Fotografieprojekt, das Narben als Teil der eigenen Geschichte sichtbar macht – in Zusammenarbeit mit der Textilkünstlerin Negar Kablou.

Was bedeutet Wabi-Sabi in diesem Zusammenhang?

Ästhetik, die Unvollkommenheit und Vergänglichkeit als eigene Form von Schönheit begreift – mehr dazu im Kintsugi-Artikel.

Kann ich mich als Modell bewerben?

Ja, unabhängig von Geschlecht oder Art der Narbe – Details dazu auf der Projektseite.

Eine Frage zum Schluss:

Was sind die Spuren an dir selbst, die du heute mit Stolz betrachtest? Vielleicht ist es an der Zeit, genau diese Geschichten in Bildern festzuhalten.


Bob



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