Kurz zusammengefasst
Lynton und sein Zwillingsort Lynmouth liegen am Rand des Exmoor-Nationalparks in Nord-Devon – verbunden durch eine einzigartige, seit 1890 wasserbetriebene Standseilbahn. 1952 traf hier eine der schwersten Flutkatastrophen Großbritanniens den Ort. Und auf dem Moor dahinter leben die Exmoor-Ponys: eine der ältesten Pferderassen Europas, mein eigentliches Ziel auf dieser Reise.
Inhaltsverzeichnis
Little Switzerland: Lynton und Lynmouth
Nach den Kreidefelsen von Dover und der langen Fahrt durch Südengland war Lynton mein eigentliches Ziel auf dieser Reise – nicht wegen der Stadt selbst, sondern wegen dessen, was dahinter liegt: der Exmoor-Nationalpark. Doch Lynton und sein Schwesterort Lynmouth, direkt an der Küste unterhalb der Klippen gelegen, haben es verdient, nicht einfach nur als Durchgangsstation behandelt zu werden.
Die Doppelstadt trägt seit der viktorianischen Zeit den Beinamen „Little Switzerland“ – frühe Touristen fühlten sich von der schroffen, dramatischen Landschaft an die Schweizer Alpen erinnert. Lynton liegt hoch oben auf der Klippe, Lynmouth direkt am Meer, gut 150 Meter tiefer. Zwischen beiden liegt buchstäblich eine steile Felswand.
Die Cliff Railway – eine Bahn, die nur mit Wasser fährt
Genau dieser Höhenunterschied war jahrzehntelang ein echtes Problem: Bis 1890 mussten Waren und Passagiere von Packpferden und Eseln die steile Straße hinauf- und hinuntergeschleppt werden – mühsam, langsam und schlecht für den aufkeimenden Tourismus.
Die Lösung war eine der ungewöhnlichsten Bahnen Großbritanniens: die Lynton and Lynmouth Cliff Railway. Sie kommt komplett ohne Motor, Strom oder Dampf aus – angetrieben wird sie ausschließlich durch Wasser. Zwei miteinander verbundene Wagen hängen an einem Seil; der obere Wagen wird mit Wasser aus dem West Lyn River befüllt, bis er schwerer ist als der untere – und zieht diesen beim Herabfahren über das Gegengewicht-Prinzip nach oben. Unten angekommen, wird das Wasser wieder abgelassen.
Entworfen wurde die Bahn vom Ingenieur George Croydon Marks, finanziert von seinem Geschäftspartner Sir George Newnes. Eröffnet wurde sie an Ostermontag 1890 – und ist bis heute in ununterbrochenem Betrieb. Sie gilt als die höchste und steilste wasserbetriebene Standseilbahn der Welt, die noch fährt.
Die Nacht, in der Lynmouth fast verschwand
Was heute ein beschauliches Urlaubsdorf ist, war in der Nacht vom 15. auf den 16. August 1952 Schauplatz einer der schwersten Naturkatastrophen der britischen Geschichte. Ein Sturm von fast tropischer Intensität hatte tagelang Regen über dem bereits durchnässten Exmoor abgeladen – binnen 24 Stunden fielen 229 Millimeter, mehr als das 250-Fache der üblichen August-Niederschlagsmenge.
Das Moor konnte die Wassermassen nicht mehr aufnehmen. Rund 90 Millionen Tonnen Wasser und Geröll rasten die engen Flusstäler des East und West Lyn hinunter – Schätzungen zufolge wurden dabei über 50.000 Tonnen Gestein mit sich gerissen. Als die Flutwelle Lynmouth erreichte, zerstörte sie mehr als 100 Gebäude und 28 der 31 Brücken im Ort. 34 Menschen starben, 420 wurden obdachlos.
Ein kleiner Weiler namens Middleham zwischen Lynmouth und Watersmeet wurde komplett ausgelöscht und nie wieder aufgebaut. Nach der Katastrophe leitete man den Fluss beim Wiederaufbau bewusst um den Ortskern herum, um so etwas nie wieder geschehen zu lassen. Übrigens: Eine hartnäckige Verschwörungstheorie behauptet bis heute, geheime Regenmach-Experimente der Royal Air Force hätten die Flut ausgelöst – Wetterhistoriker halten das für ausgeschlossen.
Die wilden Ponys von Exmoor
Und dann, endlich, das eigentliche Ziel: die Exmoor-Ponys. Kaum eine Pferderasse Europas hat eine so lange, ungebrochene Geschichte wie diese. Fossile Funde auf dem Exmoor-Moor reichen bis etwa 50.000 v. Chr. zurück, und die Ponys werden bereits 1086 im Domesday Book erwähnt – dem ältesten erhaltenen Grundbuch Englands.
Charakteristisch ist ihre helle „Pangaré“-Zeichnung um Augen, Maul und Bauch – ein ursprüngliches Merkmal, das sie mit dem asiatischen Przewalski-Pferd teilt, einem der wenigen anderen echten Wildpferde der Welt. Nach dem Zweiten Weltkrieg wäre die Rasse beinahe ausgestorben: Soldaten nutzten die Ponys zum Schießtraining, Wilderer töteten sie für ihr Fleisch. Erst gezielte Zuchtprogramme – die Exmoor Pony Society wurde bereits 1921 gegründet – retteten den Bestand. Heute gilt die Rasse weiterhin als gefährdet, mit weniger als 500 Zuchtstuten weltweit.
Wer die Ponys fotografieren möchte, sollte wissen: Es sind echte Wildtiere, kein zahmes Fotomotiv. Sie leben halbwild und weichen Menschen typischerweise aus – Geduld, ein gutes Teleobjektiv und Respekt vor der Distanz, die die Tiere selbst wählen, sind wichtiger als jede Ausrüstung.
Praktische Informationen
Lynton und Lynmouth liegen direkt an der Küstenstraße zwischen Dover und Cornwall – ein naheliegender Zwischenstopp auf dem Weg weiter Richtung Bodmin und Lands End. Die Cliff Railway verkehrt saisonal, üblicherweise von Februar/März bis Anfang November. Die Fahrt dauert nur wenige Minuten, lohnt sich aber allein schon wegen der Technik.
Für die Ponys gilt: Sie kommen im gesamten Nationalpark vor, sind aber nicht überall gleich häufig anzutreffen – am ehesten in den offeneren, höher gelegenen Moorbereichen abseits der Hauptstraßen.
Diese Station war Teil meiner Reise von Dover nach Cornwall. Der vollständige Bericht zur Anreise: Cornwall und Devon [GB]