Kurz zusammengefasst
Dünkirchen ist für die meisten nur ein Fährhafen auf dem Weg nach England – so auch für mich, auf dem Weg nach Cornwall. Doch der Ort trägt eine der dramatischsten Geschichten des Zweiten Weltkriegs in sich: Im Mai 1940 gelang hier die Rettung von über 300.000 eingekesselten alliierten Soldaten – mit einer Flotte, die halb aus Kriegsschiffen, halb aus requirierten Fischerbooten und Sportbooten bestand.
Inhaltsverzeichnis
Ein Fährhafen mit einem zweitem Gesicht
Für die meisten Reisenden ist Dünkirchen – französisch Dunkerque – nur eine Durchgangsstation: der Ort, an dem man die Nachtfähre nach Dover besteigt, mit müden Augen und dem Blick schon auf England gerichtet. So ging es auch mir, auf dem Weg nach Cornwall und Devon. Doch wer hier auch nur ein paar Stunden bleibt, entdeckt eine Stadt, die weit mehr zu erzählen hat als ihren Fährhafen.
Operation Dynamo: Das Wunder von Dünkirchen
Im Mai 1940 war Dünkirchen der letzte Zufluchtsort für rund 400.000 britische, französische und belgische Soldaten. Die deutsche Wehrmacht hatte sie in einem schnellen Vorstoß durch die Ardennen von ihren Nachschublinien abgeschnitten und an die Küste gedrängt – mit dem Rücken zum Meer, ohne Fluchtweg zu Land.
Was folgte, ging als „Operation Dynamo“ in die Geschichte ein: Zwischen dem 26. Mai und dem 4. Juni 1940 organisierte die britische Marine eine der größten Rettungsaktionen der Militärgeschichte. Ursprünglich hoffte man, vielleicht 30.000 bis 45.000 Mann retten zu können. Am Ende waren es über 338.000.
Möglich wurde das durch eine denkbar ungewöhnliche Flotte: Neben knapp 40 Zerstörern der Royal Navy liefen fast 800 weitere Boote aus – Fährschiffe, Fischkutter, sogar private Segelboote und Themse-Ausflugsdampfer, deren Besitzer sich freiwillig meldeten. Diese „little ships“ fuhren dort, wo die großen Kriegsschiffe wegen zu geringer Wassertiefe nicht an den Strand konnten, und brachten die Soldaten in kleinen Etappen zu den wartenden Schiffen weiter draußen.
Der Verlauf war alles andere als geradlinig: Am ersten vollen Tag, dem 27. Mai, gelang die Rettung von gerade einmal 7.669 Soldaten – ein enttäuschender Auftakt unter deutschem Bombenhagel. Vier Tage später, am 31. Mai, waren es an einem einzigen Tag 68.014. Ein bis heute historisch diskutierter „Halt-Befehl“ der deutschen Führung – Generaloberst von Rundstedt ließ die Panzertruppen am 24. Mai für mehrere Tage anhalten – verschaffte den Alliierten wertvolle Zeit, ihre Verteidigung zu organisieren.
Nicht alle hatten Glück: Mehr als 50.000 britische Soldaten, darunter die gesamte 51. Highland-Division, gerieten in deutsche Kriegsgefangenschaft. Doch die Rettung der übrigen Truppen galt Winston Churchill als entscheidend für den weiteren Kriegsverlauf – ohne diesen Kern erfahrener Soldaten hätte Großbritannien 1940 kaum eine Armee gehabt, mit der es hätte weiterkämpfen können.
Was von 1940 heute noch zu sehen ist
Wer sich für diese Geschichte interessiert, findet in Dünkirchen gleich mehrere Orte, an denen sie noch greifbar ist:
Musée Dunkerque 1940 – Opération Dynamo: Das Museum liegt in der Bastion 32, einem Festungsbauwerk aus dem 19. Jahrhundert, das 1940 tatsächlich als Hauptquartier der alliierten Verteidigung diente. Ein rund zwölfminütiger Einführungsfilm, Modelle des Strandabschnitts und des Hafens, Uniformen und Ausrüstung geben einen guten Überblick, bevor man selbst an den Strand geht. Rechnen Sie mit etwa einer Stunde Besuchszeit.
Der Strand von Malo-les-Bains: Rund vier Kilometer langer Sandstrand, direkt an die Innenstadt angebunden – und genau der Ort, an dem die Soldaten 1940 tagelang im offenen Gelände auf ihre Rettung warteten. Bei Ebbe sind stellenweise noch Wracks aus jener Zeit im Sand zu erkennen, in den Dünen liegen alte Bunkeranlagen. Heute dominieren bunte Strandhütten und ein belebter Uferweg das Bild – ein bewusster, fast schon irritierender Kontrast zur Geschichte des Ortes.
Die Altstadt: Der Glockenturm (Beffroi) am Rathaus, die Kirche Saint-Éloi und ein Denkmal für Jean Bart, den berühmtesten Sohn der Stadt (ein Freibeuter des 17. Jahrhunderts, der in Dünkirchen fast wie ein Nationalheld verehrt wird) lohnen einen kurzen Abstecher, bevor es weiter Richtung Fähre geht.
Praktische Informationen
Dünkirchen liegt direkt an der Fährverbindung nach Dover – dieselbe Route, die auch den Auftakt meiner Reise nach Cornwall und Devon bildete. Wer die Fähre ohnehin nimmt, kann mit ein bis zwei zusätzlichen Stunden Aufenthalt sowohl das Museum als auch den Strand besuchen, bevor die Überfahrt beginnt. Details zur Fährbuchung selbst – Preise, beste Buchungszeiten, was man mitnehmen sollte – findest du in meinem Bericht zur Anreise nach England.
Das Museum ist von November bis Februar montags geschlossen, sonst durchgehend geöffnet. Der Strand selbst ist frei und jederzeit zugänglich
Von hier aus ging meine eigene Reise weiter über den Kanal – zu den Kreidefelsen von Dover und schließlich nach Cornwall. Den ganzen Bericht dazu findest du hier: Cornwall und Devon [GB]