Kurz zusammengefasst
Teil 2 zeigt, wie sich Adams vom Piktorialismus löste und mit der Gruppe f/64 die "reine Fotografie" mitbegründete. Am Ende steht sein leisestes, aber politischstes Werk: die Fotografien aus dem Internierungslager Manzanar.
Inhaltsverzeichnis
Vom Piktorialismus zur reinen Fotografie
Damals prägte der Piktorialismus die Fotografie. Ein Stil, bei dem Bilder nicht einfach nur fotografisch festgehalten, sondern als Ausdruck für eine Stimmung oder ein Gefühl wie eine Art Gemälde geschaffen wurden. Die Erschaffer vertraten die Ansicht, dass ein Foto mehr als die reine Abbildung der Realität sein solle. Ein typischer Vertreter dieser Stilrichtung war zum Beispiel Alfred Stieglitz:

Nehmen wir uns einen Moment, dieses Werk zu betrachten, um zu verstehen, was die Fotografen damals bewegte und warum es als Meilenstein der Fotografiegeschichte gilt.
Stieglitz fotografierte die qualmende Lokomotive 1902 in den Bahnanlagen von Long Island City, New York.
Sein Ziel war es zu beweisen, dass ein Fotograf Kunstwerke ähnlich einem Maler schaffen konnte und nicht nur dokumentarisch tätig war. Er wollte etwas Alltägliches in etwas Außergewöhnliches umwandeln und dabei gleichzeitig den Betrachter fesseln. Sein Sujet – die kalte industrielle Bahnanlage – wählte er daher ganz bewusst.
Durch das gezielte Einfangen einer bestimmten Lichtstimmung und die nachträgliche Beeinflussung von Licht und Schatten während des Entwicklungsprozesses, ging er weit über die dokumentarische Fotografie hinaus.
Auch die ersten Arbeiten von Ansel Adams waren vom Piktorialismus beeinflusst. Ein Beispiel dafür ist das Bild ‚Lodgepole Pines‘, das 1921 am Merced River im Yosemite-Nationalpark entstand.

Doch mit dem Beginn des Ersten Weltkriegs setzte ein tiefgreifender Wandel ein: Die Fotografie bewegte sich weg von stilisierten Szenen hin zu einer messerscharfen Abbildung der Realität – als Ausdruck der Moderne und der fortschreitenden Industrialisierung.
Infolgedessen wandelte sich auch Adams’ Stil. Spätestens ab 1925 wich der Piktorialismus in seinem Schaffen einem konsequenten Realismus, der durch exakte Belichtung, harten Kontrast und einen extrem scharfen Fokus bestach. Er experimentierte viel in der Dunkelkammer, um die Details in seinen Bildern noch stärker herauszuarbeiten.
1930 lernte er den Fotografen Paul Strand kennen. Strand gilt heute als einer der Schöpfer der modernen amerikanischen Fotografie. Adams war vom zwölf Jahre älteren Paul Strand und seinen klar konzeptionierten Arbeiten tief beeindruckt. Strand konzentrierte sich damals hauptsächlich auf Abstraktionen, Straßenporträts und dem Einfangen der Dynamik der Städte.
Die Gruppe f/64
Die Gruppe f/64 wurde 1932 von Ansel Adams, Edward Weston, Willard van Dyke,
John Paul Edwards, Henry Swift, Imogen Cunningham und Sonya Noskowiak gegründet.
Ihr Ziel war die Etablierung der „reinen Fotografie“. Im Gründungsmanifest von 1932 steht dazu:
„Reine Fotografie ist definiert als das Fehlen technischer, kompositorischer oder ideeller Qualitäten, die von einer anderen Kunstform abgeleitet sind„
Durch die Verwendung großformatiger Kameras sollten möglichst detaillierte, scharfe, körnungsfreie, Fotos mit hohem Kontrast entstehen, als Gegenbewegung zum damals an der Westküste etablierten.
Der Name der Gruppe leitet sich von einer sehr geringen Blendenöffnung des Kameraobjektivs ab, die eine große Schärfentiefe bei entsprechend großformatigen Kameras und Objektiven ergibt. Dazu zählen die von Ansel Adams verwendeten Großformatkameras mit einem Plattenformat von 8×10 Zoll (20,32 × 25,4 cm).
Zum Vergleich: Ein heute üblicher „Vollformat“-Sensor mit 36 × 24 mm ist knapp 13-mal kleiner als das 8×10-Zoll-Negativ, mit dem Adams arbeitete – einer der Gründe, warum seine Abzüge bis heute für ihre enorme Schärfe und ihren Detailreichtum bekannt sind.
Es handelte sich um eine Gegenbewegung zu dem seinerzeit vorherrschenden Stil des Piktorialismus. Von Mitgliedern der Gruppe wurde unter anderem das Zonensystem entwickelt.
Die Gruppe wandte sich mit „strengen“ eigenen Bildern gegen den „seichten Salonstil“ (Ansel Adams, Die Kamera, München 2000) und vertrat eine der straight photography ‚Reinen Fotografie‘ nahestehende Ästhetik. Mit der umfassenden Scharfzeichnung ihrer Motive löste sie sie aus der „Wirklichkeit“. Dabei nutzte die Gruppe f/64 auch den Kontaktabzug großformatiger Negative (8 Zoll (ca. 20 cm) × 10 Zoll (ca. 25 cm)) auf kontrastreichem, „hartem“ Hochglanzpapier. Skepsis bestand gegenüber der Retusche und anderen Manipulationen.


Born Free and Equal
„Der Zweck meiner Arbeit bestand darin, zu zeigen, wie diese Menschen, die unter großer Ungerechtigkeit und dem Verlust von Eigentum, Unternehmen und Berufen litten, das Gefühl der Niederlage überwunden hatten verzweifeln, indem sie sich eine lebendige Gemeinschaft in einer trockenen (aber großartigen) Umgebung aufbauen …“
Mit diesen Worten begründete Adams 1944 sein wohl politischstes Werk: „Born Free and Equal: The Story of Loyal Japanese-Americans“. Das Buch versammelt rund 65 Fotografien aus dem Manzanar War Relocation Center im kalifornischen Owens Valley – einem von zehn Lagern, in denen die US-Regierung nach Pearl Harbor über 10.000 japanischstämmige Amerikaner hinter Stacheldraht internierte.
Adams besuchte Manzanar viermal, 1943 und 1944, eingeladen von seinem Freund Ralph Merritt, dem Lagerdirektor. Dort traf er auch auf Toyo Miyatake, den offiziellen Lagerfotografen – selbst interniert und, wie Adams, ein Schüler der reinen, scharfen Bildsprache, die er mit der Gruppe f/64 mitgeprägt hatte.
Die Resonanz war damals überwiegend feindselig: Adams wurde offene Illoyalität vorgeworfen, kaum Exemplare wurden verkauft, einige sogar vernichtet. Heute gilt „Born Free and Equal“ als eines der frühesten fotografischen Zeugnisse gegen die Internierung – und als Beleg dafür, dass Adams‘ „reine Fotografie“ nie nur Landschaft war, sondern auch politische Haltung sein konnte.