Buenos Aires gilt als die wohl europäischste Metropole Lateinamerikas, doch hinter den prachtvollen Fassaden verbirgt sich eine weitaus komplexere Identität. Obwohl sie offiziell nur die drittgrößte Stadt Argentiniens ist, beherbergt ihr gewaltiger Großraum rund 15 Millionen Menschen. Hier trifft glanzvolle Architektur auf bittere Armut, und akademische Bildung auf das harte Leben der Straße.
Es ist ein Schmelztiegel, in dem die Hektik einer Megacity auf eine tief verwurzelte Melancholie trifft – ein Abbild des alltäglichen Kampfes um Glück, Wohlstand und Würde. Trotz der Herausforderungen durch grassierende Inflation und politische Korruption bewahrt sich die Stadt eine unwiderstehliche Schönheit.
Zwischen südamerikanischer Emotionalität und grauer Großstadtmonotonie entfaltet sich ein Charme, dem man sich kaum entziehen kann. Es ist eine Stadt zum Verlieben.
Der Caminito
Unser erster Tag führte uns direkt in das Herz der argentinischen Nostalgie: zum Caminito im Stadtteil La Boca. Der Name bedeutet auf Spanisch schlicht „kleiner Pfad“, doch hinter dieser kaum 100 Meter langen Fußgängerzone verbirgt sich eine Art lebendiges Freilichtmuseum.
Ursprünglich folgte der Weg einer Eisenbahnstrecke, die jedoch 1920 eingestellt wurde; ihre Schienen blieben an einigen Stellen als stumme Zeugen der Industriegeschichte im Asphalt zurück.
In den Jahren danach verkam das Gelände zunächst zu einer Art Müllhalde, bis sich die Nachbarschaft schließlich dazu entschloss, die maroden Häuser aus Holz und Zinkblech liebevoll wieder herzurichten.
Federführend bei dieser Verwandlung war vor allem der Maler Benito Quinquela Martín, dessen große Liebe zu kräftigen und bunten Farben das Gesicht dieser Straße bis heute maßgeblich geprägt hat.
An einer Wand im Caminito findet der aufmerksame Besucher des Stadtteils eine Flachreliefskulptur des Künstlers Luis Perlotti. Sie stellt den legendären Santos Vega dar, eine mythische Figur des argentinischen Folklore. Der Legende nach, war Santos ein Gaucho-Sänger, der "Sänger der Pampa", der durch seine außergewöhnliche Begabung fast jeden Wettstreit gewann. Besiegt wurde er erst im Duell gegen den Teufel. Die Geschichte inspirierte viele Künstler. Bartolomé Mitre, Eduardo Gutiérrez, Rafael Obligado schrieben Gedichte und 1936 wurde die Geschichte sogar von Luis José Moglia Barth verfilmt.
Tango
Nationale und internationale Künstler stellen hier im Caminito aus, an jeder Ecke hört man Tango-Klänge und sieht Menschen tanzen. Es war auch dieser Stadtteil, der Juan de Dios Filiberto maßgeblich inspirierte, als er die Musik für das weltberühmte Tangolied Caminito komponierte. Kurioserweise handelt der Text des Liedes jedoch von einem völlig anderen Pfad in einer anderen Provinz. Doch das tut der Begeisterung keinen Abbruch. Es ist einfach wundervolle Musik.
Tango argentino in seinen Ursprüngen ist eigentlich eine Art spannungsgeladenen Gehens. Ein angedeuteter Ausdruck der starken Energie der Tänzer. So wie Pausen in der Musik eines der wichtigsten Elemente sein können, zeigt sich beim Tango das wahre Rhythmusgefühl in der Andeutung dessen, was möglich wäre. Er ist ernst, melancholisch. Der Komponist Enrique Santos Discépolo nannte ihn „un pensamiento triste que se puede bailar“ einen traurigen Gedanken, den man tanzen kann. Vielleicht ist es aber eher der Ausdruck eines Gefühls als ein Gedanke.
Interessanterweise entstand der Tango ursprünglich in den verruchten Bordellen und Hafenbars am Ende des 19. Jahrhunderts, wo die vielen Einwanderer ihre Sehnsucht nach der fernen Heimat verarbeiteten. Erst viel später fand er seinen Weg in die feinen Salons von Paris und kehrte von dort als gesellschaftsfähiger Tanz nach Buenos Aires zurück.
Dreimal im Leben
Wer in die Welt des argentinischen Tangos eintauchen möchte, dem sei auch der Roman des spanischen Schriftstellers und Journalisten Arturo Pérez-Reverte „Dreimal im Leben“ empfohlen. Im spanischen Original heißt es „El tango de la Guardia Vieja“. Der Autor nimmt den Leser in seinem Roman über die Liebe und das Leben mit auf eine Zeitreise zu den Ursprüngen des Tangos.
Sicherheit in La Boca (und anderswo) 😉
Doch so farbenfroh, touristisch und lebenslustig sich La Boca am helllichten Tag auch präsentiert, sollte man am Abend durchaus eine gewisse Vorsicht walten lassen. Nicht alle Einwohner des Stadtteils sind wohlhabend. Da wecken gut betuchte Touristen leider manchmal kriminelle Energien. Man sollte es daher tunlichst vermeiden, teure Uhren, auffällige Fotoapparate oder Taschen allzu offen zu präsentieren. Aber das gilt natürlich für fast alle großen Metropolen dieser Welt.
Anreise und Informationen
Einige Hotels:
Nahverkehr
Wenn Sie länger in Argentinien bleiben, empfiehlt sich die Sube-Karte für Busse und U-Bahn.
Vom Hauptbahnhof kommen Sie mit den Bussen 29, 64 oder 152 direkt nach La Boca.