Abstammung
Bevor wir uns mit der Karriere und der Bedeutung von Ansel Adams für die Fotografie beschäftigen, ist es aus meiner Sicht hilfreich, in die Zeit einzutauchen, in die er hineingeboren wurde und ein wenig mehr über seine Wurzeln in Erfahrung zu bringen. Ich habe die Quellen unten aufgeführt, für Hinweise bin ich dankbar.
Ansel Easton Adams wird am 20. Februar 1902 in San Francisco geboren. Theodore Roosevelt ist seit einem halben Jahr Präsident. Er setzt sich für die Rechte der Arbeiter und den Schutz der Umwelt ein, außenpolitisch wird die USA zur Weltpolizei. In Kalifornien wütet die Beulenpest.
Ansel wächst als einziges Kind einer aus Nordirland stammenden Händlerfamilie auf. Sein Vater Charles ist Chemiker und Holzhändler, mit einem ausgeprägten Interesse an Astronomie und der noch relativ jungen Fotografie.
Mutter Olivia Adams, geborene Bray, liebt die Porzellanmalerei und ist die künstlerische Seele der Familie.
Die Familie Adams
Im 18. Jahrhundert kamen die Vorfahren der Adams wie Millionen weitere aus Nordirland nach Amerika. Auf der Suche nach einem neuen Anfang und einem Ausweg aus der schwierigen Situation in ihrer Heimat.
Großvater William James Adams gründete das florierende Holzhandelsunternehmen Adams & Blinn in San Francisco. 1856 heiratete er die Witwe Cassandra Hills McIntyre. Sie bekamen fünf Kinder, das letzte davon war Charles Hitchcock Adams, Ansels Vater.
Ansel Adams’ Großvater mütterlicherseits, war Charles E. Bray, ein Transportunternehmer. Seine Familie stammte aus Baltimore. 1861 heiratete er Nan Hiler. Ein Jahr später wurde Olive Hiller geboren, die spätere Mutter von Ansel.
Amerika befand sich im Umbruch: einerseits die wachsende Rolle in der Weltpolitik, andererseits die schnelle Industrialisierung und die damit einhergehenden Veränderungen. Die anhaltende Masseneinwanderung sorgte für weitere Spannungen.
Auch die Fotografie in jener Zeit wurde durch die Umbrüche beeinflusst. Sowohl künstlerische als auch technische: 1888 hatte George Eastman die Kodak-Kamera auf den Markt gebracht. Erstmals konnte man mit ihr auf Rollfilm fotografieren. 100 Aufnahmen waren mit nur einem einzigen Rollfilm möglich. Dieser wurde mitsamt Kamera in eine Kopieranstalt eingeschickt und nach zehn Tagen erhielt man die, samt Papierabzügen und einem neuen Film zurück. Der Preis: 25 Dollar (entspricht heute etwa einer Kaufkraft von 830 Dollar). Dazu kamen noch 10 Dollar Entwicklungs- und Servicekosten. Dafür sparte man sich die aufwendige Dunkelkammertechnik und Chemie.
Das Erdbeben von 1906: Eine markante Nase:
Eine der bekanntesten Anekdoten aus Adams’ Kindheit ist untrennbar mit der Geografie San Franciscos verbunden. Als das große Erdbeben von 1906 die Stadt erschütterte, war der kleine Ansel gerade erst vier Jahre alt. Eine heftige Nacherschütterung schleuderte ihn mit dem Gesicht voran gegen eine Gartenmauer.
Der „Klassenclown“ ohne Klassenzimmer
Adams war kein einfacher Schüler. Er galt als hyperaktiv (nach heutiger Diagnose vermutlich ADHS) und war in der herkömmlichen Schule völlig unterfordert und rastlos. Nachdem er von mehreren Schulen verwiesen wurde, zog sein Vater 1915 die Reißleine: Er nahm ihn ganz von der Schule.
Ansel wurde fortan privat unterrichtet, doch sein wichtigster „Lehrer“ war die Küste von San Francisco. Er verbrachte Stunden damit, die Dünen am Golden Gate zu erkunden. Diese frühen, einsamen Streifzüge legten den Grundstein für seine tiefe spirituelle Verbindung zur Natur – lange bevor er überhaupt eine Kamera in der Hand hielt.
Die erste Kamera: Ein Unfall als Omen
Im Jahr 1916 unternahm die Familie die erste Reise in den Yosemite-Nationalpark. Sein Vater schenkte ihm für diesen Trip eine Kodak-Brownie-Box-Kamera. Ansel war so begeistert, dass er wie besessen durch das Tal rannte. Die Brownie war eine einfache und günstige Rollfilm-Kamera. Konzipiert, um Millionen für die Fotografie zu begeistern. Und genau das war auch bei Adams der Fall.
Die Zerreißprobe: Klavier oder Dunkelkammer?
Fotografie war für Adams jahrelang nur ein Hobby. Sein eigentlicher Plan war es, Konzertpianist zu werden. Die Disziplin, die er beim täglichen, stundenlangen Klavierspiel lernte, übertrug er später eins zu eins auf die Dunkelkammer.
Er sah zwischen Musik und Fotografie eine direkte Parallele, die er später in seinem berühmten Zitat zusammenfasste:
„Das Negativ ist die Partitur, der Abzug ist die Aufführung.“
Erst 1930, nach einer Begegnung mit dem Fotografen Paul Strand, traf er die endgültige Entscheidung gegen die Musik. Strand zeigte ihm seine Negative, und Adams war so schockiert von deren Detailreichtum und Klarheit, dass er begriff: Die Fotografie kann eine ebenso hohe Kunstform sein wie die Musik.
Das Zonensystem: Die „Partitur“ der Natur
Adams war frustriert darüber, dass seine Fotos oft nicht das wiedergaben, was er fühlte. Er wollte die volle Kontrolle darüber haben, wie hell oder dunkel jeder Bereich eines Bildes wird. Gemeinsam mit Fred Archer entwickelte er das Zonensystem.
Stell dir eine Skala von 0 bis 10 vor:
Zone 0: Tiefstes Schwarz (keine Zeichnung).
Zone V (5): Mittleres Grau (wie eine 18%-Graukarte).
Zone X (10): Reines Weiß (wie die Sonne oder eine Lichtquelle).
Adams’ Genialität bestand darin, das Bild schon vor dem Auslösen im Kopf zu „visualisieren“. Er maß das Licht an verschiedenen Stellen im Motiv und entschied dann, wie lange er belichten und – noch wichtiger – wie lange er den Film später entwickeln musste, um den Kontrast perfekt zu steuern. Er „komponierte“ das Licht wie ein Musikstück.
Moonrise Hernandez – Ein Wettlauf gegen die Zeit
Die Entstehung seines berühmtesten Bildes (1941) liest sich wie ein Krimi. Adams fuhr mit seinem Sohn und einem Assistenten durch New Mexico, als er im Augenblick der Dämmerung sah, wie der Mond über einer kleinen Kirche und einem Friedhof in Hernandez aufging.
Adams hielt den Wagen am Straßenrand an und schrie seinen Begleitern zu, sie sollten ihm sofort die Kamera und das Stativ bringen.
In der Hektik konnte er seinen Belichtungsmesser nicht finden. Die Sonne sank rapide, und er wusste, er hatte nur Sekunden, bevor das Licht auf den weißen Kreuzen des Friedhofs verschwinden würde.
Adams erinnerte sich an die Leuchtdichte des Mondes – exakt 250 Foot-lamberts. Dank seines mathematischen Geistes berechnete er die Belichtung im Kopf, ohne zu messen.
Kaum hatte er den Verschluss ausgelöst, verschwand die Sonne hinter einer Wolkenbank. Er hatte nur ein einziges Negativ machen können. Später verbrachte er Wochen in der Dunkelkammer, um den Himmel so tiefschwarz zu „belichten“, dass der Mond und die Wolken förmlich aus dem Bild leuchten – ein Paradebeispiel für seine Meisterschaft in der Nachbearbeitung.
Die „F/64“-Gruppe: Rebellion der Schärfe
In einer Zeit, in der viele Fotografen versuchten, Fotos wie verwaschene Gemälde aussehen zu lassen (Piktorialismus), gründete Adams mit Gleichgesinnten wie Edward Weston die Group f/64.
Der Name bezog sich auf die kleinste Blendenöffnung der Kamera, die eine maximale Schärfentiefe vom Vordergrund bis zum Horizont ermöglichte. Sie forderten „Pure Photography“:
Keine Filter-Trickserei, die das Bild unscharf macht.
Keine Manipulation, die die Fotografie wie eine Zeichnung wirken lässt.
Die Realität sollte in ihrer gnadenlosen Klarheit gezeigt werden.
Leave a reply