Wie unschuldig das klingt: Buchenwald. Das Wort könnte für ausgedehnte Spaziergänge durch lichte Wälder, sonnenbeschienene Wege mit goldbraunem Laub, knarrende Bäume und ausgedehnte Spaziergänge stehen. Wenn es da nicht diesen einen Ort auf der Welt gäbe, der diese zehn Buchstaben für immer mit einem realen Horror belegt hätte. Das Konzentrationslager Buchenwald auf dem Ettersberg bei Weimar.
Über Jahrzehnte hat mich dieser Ort immer wieder angezogen. Mit all seiner Widersprüchlichkeit zwischen Schönheit und Grauen, zwischen Hochkultur und menschlichen Abgründen. Von den vorgeschriebenen Schulexkursionen zur politischen Bildung, über meine Arbeit als TV-Autor, bis zu vielen Gesprächen mit Zeitzeugen.
Ein Prozess
In dem Moment, als ich diese Zeilen schreibe, weiß ich bislang nicht genau, welche Zielrichtung dieser Beitrag hat, und wie lang er werden wird. Ich spüre nur, dass er geschrieben sein möchte und sich die Arbeit daran vermutlich über Monate hinziehen wird. Ich möchte den Leser an diesem Prozess teilhaben lassen. Deswegen werde ich ihn immer wieder wie ein Tagebuch ergänzen.
Meine Verbindung zu Buchenwald begann in der Schulzeit.
Zurück in meine Schulzeit: Die 80er-Jahre sind geprägt von einer zunehmenden Unzufriedenheit mit dem sozialistischen System. Die DDR versucht, mit noch mehr Propaganda gegenzusteuern. Die Altkommunisten klammern sich an ihre Rolle. Zu den regelmäßigen Schulveranstaltungen gehören Besuche in der Gedenkstätte Buchenwald. Ich denke, es war 1983, als ich das erste Mal die Gedenkstätte besuchte.
Dieses Grauen liegt wie eine unsichtbare Glocke über den wenigen Quadratkilometern. Es scheint sich auf die Westseite des Ettersberg zu konzentrieren. Im Norden dagegen steht erhaben und schön das Schloss Ettersburg. Die beiden Orte, obwohl nur zwei Kilometer Luftlinie voneinander entfernt, könnten unterschiedlicher nicht sein.
Besonders beklemmend wirkt die räumliche Nähe zur Stadt Weimar, die einerseits als Zentrum der deutschen Klassik und des Humanismus gilt, während sie andererseits untrennbar mit dem Grauen auf dem Ettersberg verbunden ist. Obwohl nur etwa zehn Kilometer den Marktplatz Weimars vom Lagertor trennen, liegen weltenweite Abgründe zwischen diesen Orten. Daher wird der Besuch in Buchenwald oft als Schock erlebt: Man verlässt die Stadt Goethes und Schillers und findet sich nur Minuten später an einem Ort wieder, an dem jegliche Menschlichkeit systematisch vernichtet wurde.
Der Ettersberg – ein Ort, den Goethe einst für seine Naturstudien schätzte und gleichzeitig Schauplatz des Terrors der Nationalsozialisten. Für die meisten Besucher – so auch für mich – stellt sich die Frage, wie Bildung und Barbarei so nah beieinander existieren konnten. Warum es so wenig Widerstand dagegen aus dem nahen Weimar geben konnte.
Der Glockenturm
Dort, wo heute der weithin sichtbare Glockenturm steht, gab es bereits vorher einen Turm. Der Bismarckturm Weimar, 1900 begonnen und am 27.10.1901 eingeweiht, war ein 43 Meter hohes Bauwerk, das an Otto von Bismarck (1815–1898) erinnerte.
Dieser Turm wurde am 11.05.1949 nach nur 48 Jahren gesprengt. Hintergrund war die geplante Errichtung einer „Gedenkstätte für die Opfer des Faschismus“. Aber sicherlich auch, weil der Turm als ein Symbol des Deutschen Reiches und seines Gründers Bismarck gesehen wurde, und das in unmittelbarer Nähe zu den Gräbern der Opfer des Konzentrationslagers Buchenwald für viele unerträglich war.
Nachkriegszeit
Nach dem Abriss der meisten Baracken in den 1950er Jahren entschied man sich bewusst gegen einen kompletten Wiederaufbau, um die Abwesenheit der Menschen und das Ausmaß der Zerstörung sichtbar zu machen. Die Standorte der ehemaligen Baracken sind heute durch schwarze Schlackeflächen markiert.
Wird gelegentlich erweitert...
Verwendete Quellen
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