Ein Osterwunder:
Das erste Kirchenfenster der St‑Wigberti‑Kirche in Bilzingsleben kehrt zurück
26 Jahre musste die wundervolle kleine evangelische Kirche St. Wigberti in Bilzingsleben ohne ihre Chorfenster auskommen. Nun ist das erste von drei Fenstern zurückgekehrt.
Als wir vor einem Jahr zu Ostern die Nachricht erhielten, dass die Fenster in einer Lagerhalle in der Nähe von Wittenberg wieder aufgetaucht waren, konnten wir es kaum glauben. Nach einer unglaublich aufwendigen Suche war die Sensation perfekt.
Doch die Fenster waren in einem eher traurigen Zustand. Viele Brüche, das Blei verbogen, an vielen Stellen fehlten Scheiben ganz. Doch wie an vielen Stellen dieser wunderbaren Geschichte, haben sich Menschen dafür starkgemacht, dass es nicht bei der Auffindung blieb. Von der Kirchenbaureferentin, über die Entscheider über die Fördermittelzusage bei der Evangelischen Kirche bis hin zu den Restauratoren in Quedlinburg.
Und so kam es, dass am Montag vor Ostern die Monteure der Firma Schneemelcher – Derix Glasstudios aus Quedlinburg tatsächlich die ersten Scheiben in den Chorraum einsetzten.
Bleiglaser Stefan Schrader hat über zwei Jahrzehnte Berufserfahrung und schon an hunderten Kirchenfenstern gearbeitet. Viele davon deutlich älter als die Bilzingslebener Kirchenfenster, die auf etwa 140 Jahre geschätzt werden. Und doch ist dieser Auftrag für ihn etwas Besonderes. Schon bei der Auffindung in der Lagerhalle bei Wittenberg habe ich den sympathischen Sachsen-Anhalter kennengelernt. Die Geschichte der verschwundenen Fenster faszinierte ihn genauso wie mich und viele andere.
Nun steht er auf dem Gerüst, das eine lokale Baufirma gesponsert hat, und baut die erste Scheibe ein. Die Scheiben scheinen auf diesen Moment nur gewartet zu haben. Die Farben strahlen, als wären sie gestern erst auf das Glas gekommen. Man sieht Schrader an, dass er Freude an dem Auftrag hat:
Das ist schon etwas sehr Besonderes – auch für mich. Diese Geschichte von der Auffindung bis jetzt zum Einsetzen begleiten zu können – das war schon sensationell. Und dass auch die Stückzahl, dass das alles noch so da war – faszinierend!
Nun strahlt wieder Licht in den Chorraum – dort, wo jahrzehntelang große Sperrholzplatten für Dunkelheit sorgten. Eine Scheibe nach der anderen kommt in die Langfenster, wird mit Edelstahl im Gemäuer versteift und gut verkittet, um den Witterungseinflüssen zu widerstehen.
Den wichtigsten Moment hat er sich ganz für den Schluss aufgehoben: das runde Apostelfenster mit dem Jesu-Abbild. Es ist wohl das außergewöhnlichste und schönste der drei Kirchenfenster von St. Wigberti und unterscheidet sich in seiner kunstvollen Ausführung deutlich von den anderen Apostelfenstern.
Nun steht es auf dem Gerüst, bereit zum Einbau. Von unten blicken die Mitglieder des Kirchenkreises gespannt nach oben. In ihrer Mitte Irmtraudt Thiele.
Als Stefan Schrader das Fenster in die Öffnung hebt, strahlt die Sonne von außen durch die Scheibe. Der ganze Chorraum füllt sich mit bunten Farben.
Dieser Moment bewegt Irmtraudt Thiehle so sehr, dass ihr fast die Stimme versagt.
Und auch Bäckermeister Mario Fischer, der die Kirche schon von klein auf kennt, ist begeistert
Das Osterwunder ist zum schönsten Wunder geworden. Das ist ein schöner Anblick – auch wenn jetzt das Gerüst noch steht –, aber man sieht schon, wie es dann mal sein wird.
Und Kirchenrat Hans-Jürgen Siegl sieht vor seinem inneren Auge schon viele künftige Nutzungen der Kirche – nicht nur für kirchliche Zwecke. Auch Ausstellungen und Jugendbegegnungen sollen die Kirche lebendig machen.
Dafür braucht es noch ein paar Anstrengungen. Nicht nur die beiden anderen Chorfenster müssen noch restauriert und eingesetzt werden. Auch im Kirchenschiff ist noch vieles zu tun. Dafür braucht es Spenden und viele engagierte Helfer.
Doch wenn alle so mit anpacken und sich einbringen wie bislang, dann wird auch das gelingen.
Das Osterwunder zu Bilzingsleben ist eben auch ein Beispiel dafür, wie wichtig Zusammenhalt und ehrenamtliches Engagement gerade heute ist.
Für eine Kirche, für einen Ort, für unsere Gesellschaft.